Es ist 18:00 Uhr - noch 3 Stunden zum Abendessen. Ich sitze - noch etwas irritiert, weil erst vor kurzem eingetrudelt nach langer Fahrt - im Parador de Benicarló, trinke genüsslich ein RumCola, knabbere gesalzene Erdnüsse, gelegentlich eine grüne Olive und schaue auf's Mittelmeer. Vielleicht ist es das, was mich irritiert.

Ja so ist es wohl eher, denn mein Track hat mich bei Castellón - Castelló, wie es auf Catalán heisst - an die Mittelmeerküste gespült. Von da aus musste ich noch gut eine Stunde die Transport-Ader der Südfrüchte und Tomaten entlang nach Norden fahren, um hier nun einzuchecken.

Es rauscht und braust in dieser Region, die sich optisch beim Durchfahren irrsinnig industriealisiert präsentiert: Es scheint ein Kulturkampf statt zu finden, der sich zwischen Zitrusplantagen, Gewerbebauten, Straßensträngen und Solarfeldern abspielt. Sie kämpfen um die ebenen Flächen zwischen Meer und den karstigen Berghängen der Sierra, weil sie das Wirtschaften leicht machen.

Mitten in unendlich erscheinenden Orangeplantagen ragen mehr oder minder dicht gruppiert oder auch solitär aufstehend Firmengebäude gewaltigen Flächenausmaßes und monumentaler Größe auf, zerreißen und zersiedeln die ursprünglich geschlossenen Orangenhaine. Und immer wieder ersetzen fussballfeldgroße Sonnenenergieparks die gerodeten Flächen, solche mit 30, 60 oder mehr Modulen auf selbstdrehenden Gestellen.

Ich schwimme mit dem Strom der LKWs auf der Südfruchtkonnektion nach Norden und die geschilderte Kulisse begleitet mich in wechselnder und doch monotoner Hässlichkeit - Ausdruck und Denkmal des unregulierten, hemmungslosen Wachstums der zurückliegenden 20 Jahre künstlich erzeugter Goldgräberstimmung.

Ein Wort zur Südfruchtkonnektion, dieser Nabelschnur entlang der Mittelmeerküste von den Plantagen unter Plastikfolien an der Costa del Sol nach Norden, zum gierigen Europa bis nach Finland, Polen und der Solowakei: Ein schier endloses Band an Schwerlastern in beide Richtungen sind auf der N-340 unterwegs wie eh und je. An den Rändern dieser Transportader haben sich rechts und links nahezu lückenlos Versorgungsangebote angesiedelt - insbesondere Park- und Standzeit-Möglichkeiten gepaart mit Tankstelle und /oder Restaurant, Kneipe, Kiosk und vermutlich auch Liebestempeln der preiswerten Art.

Parallel dazu verläuft die Autobahn - eine der wenigen aus Vor-EU-Zeit, die - privat finanziert - Maut kostet. Sie ist fast leer. Es erschiene mir sinnvoll, gerade diese Hauptverbindung nach Europe attraktiv zu machen und die Landstrasse, die auch Durchgangsstraße durch Ortschaften ist, zu entlasten. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, was mit denjenigen passiert, die vom heutigen Zustand rechts und links dieser Ader von eben deren Verlauf leben? Häufig habe ich im Land die Ruinen von Straßenrestaurants und -hotels gesehen, die durch das neue, oft auch parallel geführte Straßennetz ihre Existenzgrundlage eingebüßt haben.

So tobt auf dieser Landstraße der Bär nicht anders als vor 20 Jahren unverändert und karrt transportfeste, aber geschmacklose Erdbeeren, giftgebadete Tomaten, gespritzte Nektarinen und was auch immer aus der Südregion gen Norden. Hier scheint alles beim alten.

Die eingangs erwähnte Irritation rührt wohl daher, dass all dies so vertraut, so touristisch normal ist: Das geschilderte Geschenen im Hintergrund einer Touristrenkante entlang der Küste und vor mir das Mittelmeer, der Sand, die Sonne, die Palmen - noch etwas gerupft vom Winter und noch nicht wieder aufpoliert zur Hauptsaison. Schön, ja, bilderbuchschön, talmischön, eine irgendwie künstlich für Touristen gepflegte Showbühne. Swarovski-Kristalle halt, keine Brillanten. Das hat nichts mit dem zu tun, was mich dieses und in den vergangenen Jahren auf meine Touren durch Spanien gelockt hat. Deswegen würde ich nicht hier her fahren.

N-IIIHeute Morgen fuhr fuhr ich etwa 20 km zunächst auf der einst berühmten und stolzen N-III, der klassischen Verkehrsachse Madrid-Valencia.

Verkehrsachsen dieser Bedeutung gab es in Vor-EU-Zeiten wenige: Madrid - Bilbao, Madrid-Barcelona, Madrid-Valencia, Madrid-Sevilla, Madrid-Lissabon und dann noch Madrid-La Coruña, stellvertretend für das abgelegene, nordwestliche Galicia. Das war's auch schon.

Auf diesen Achsen spielte sich der Fernverkehr ab, es waren die Lebensadern des Landes. Lastwagen versorgten die Hauptstadt mit Waren. Jeder geschäftliche Straßenverkehr rollte hier und ich bin manche dieser Trassen sehr häufig gefahren, damals, als ich in 1968 bis 1971 hier gelebt und gearbeitet habe. Die Straßen waren breit, großzügig geführt, gut ausgebaut und deckten die damaligen Erfordernisse. Und unwesentlich erweitert täten sie es heute auch noch, legt man eine aus eigener Kraft gewachsene Wirtschaft zugrunde - an Stelle der EU-gepuschten.

Wie gesagt, es waren die Lebensadern des Landes und Straßen, auf die man stolz war und ich fuhr auf der N-III heute Ostsüdost Richtung Valencia, bevor ich nordöstlich Richtung Cuenca und Teruel in die Berge abbog.

Es ist nicht viel geblieben von der stolzen N-III. Ja, sie liegt da, breit und noch eindrucksvoll. N-IIINur an den Rändern beginnt anspruchsloses Gewächs die Kanten zu erobern, aus den sich bildenen Haarrissen im Belag zu wuchern. Ein erkennbar ehemals blühendes Fernstraßen-Restaurant, hier, 164 km von Valencia entfernt, ist tot. Das Schild "Se vende" hängt schief und ist fast verblichen. Die N-III wird nicht mehr gebraucht - die wenige km südlich parallel verlaufende Autobahn hat sie überflüsig gemacht. Gelegentlich, so scheint es, fährt sie mal ein Bauer zum nächsten größeren Ort.

unterwegs
unterwegs
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unterwegs
unterwegs

unterwegsDie meiste Zeit des Tages habe ich in wüster, felsiger, karger Hochebene verbracht bei wunderbarem Sonnenwetter und folglich sind nur Bilder entstanden, die diese Landschaft wiedergeben, durch die ich heute gefahren bin. Es ging hinaus auf über 1300m und nun sitzte ich auf Meereshöhe und sinniere vor mich hin, denn meine Reise ist gefühlsmäßig am Ende angelangt. Nein, physisch zu Ende ist sie noch nicht, denn einige Tage und wenigstens 2 Etappen will ich noch bummeln, wenn das Wetter so bleibt.

Begegnungen
Begegnungen
Begegnungen

Da wollte sie unbedingt mal drauf sitzen, (ob er auch wirklich nicht umffällt, mein Wunderroller?)
Ihr Mann sollte fotografieren, wusste aber nicht mit ihrem Apparat umzugehen und überhaupt hatte sie die Hosen an und er war sehr anpassungsbereit.
Ein nettes, kontaktfreudiges, freundliches, interessiertes, und erkennbar eingespieltes Paar.

In Teruel entschied ich mich für die Hauptstraße, die tendenziell nach Südosten führte und damit gegen mein ursprüngliches Vorhaben, in einem Bogen nordöstlich weiter durch die Berge zu kringeln. Auslöser für den Gesinnngs- und Richtungswechsel war die Begegnung mit einem Paar meines Alters. Es war mit einem unscheinbaren Wohnmobil unterwegs, das ich auf enem Rastpunkt in den Bergen am Ufer eines Baches im Schatten hoher Pappeln traf.

Wir kamen in's Gespräch, sie luden mich zu Erdbeeren und Kaffee und wir verplauderten uns. Es war kurzweilig, herzlich, interessant und angenehm und eh ich mich's versah, waren eine Stunde oder mehr verflogen. Ein LKW-Fahrer war eingebogen, hatte sich dazu gestellt, begrüßte uns mit Handschlag, erklärte seine Absicht, hier nun die geforderten 9 Stunden Ruhezeit zu beginnen und lud zum Tee. Man könne gerne zusammen DVDs anschauen, er habe sein TV an Bord. Das war mein Impuls, mich zu verabschieden, denn bei aller Freundlichkeit - danach stand nun nicht mein Sinn.

Derart aus meiner Stimmungs-Spur gebracht, änderte ich meine Route und fuhr die verblienene Strecke von Teruel nach Castelló auf der schnellen Verbindung.

Morgen werde ich noch hier sein und einen auf Tourist im klassischen Sinn machen. Auch mal nicht schlecht - nicht so anspruchsvoll, mehr konsumorientiert.

Ob ich im Parador Aiguablava einchecke, weiß ich noch nicht. Im Moment steht mir der Sinn danach, einfach küstennah irgendwie gen Norden zu bummeln und mir sozusagen am Straßenrand eine Unterkunft zu suchen, wenn ich das Gefühl habe, jetzt bin ich reif. Hier gibt es sicherlich deutlich mehr Angebot als Nachfrage. Also kein Problem.

(Vervollständigung der Gedanken durch Korrekturen, Ergänzungen und Bilder erfolgt wohl erst morgen.

Ist erfolgt.)

Es ist 23:30, mein vermutlich letztes Abendessen in einem Parador auf dieser Reise liegt gerade hinter mir. Das möchte ich dann doch noch fethalten, denn es hat gemundet - von vorn bis hinten.

Salat Parillada Flan

 

Track Alarcón-Benicarló

Track Total

Alarcón - Benicraló (17. /18.Tag: Mo/Di, 07./08.05.2012 - 389km/06:04h - Etappe 09)